Dienstag, 12. Juli 2016

Fotomarathon Hamburg

Quelle: Facebook\Fotomarathon Hamburg
Was für ein aufregender Tag! Durch Zufall hatte ich vor einiger Zeit auf Facebook den Fotomarathon entdeckt. Meine Freundin Inga meinte, ich solle doch teilnehmen. So begeistert, wie ich mit meiner Kamera durch die Welt streife, könnte ich mich auch dieser Herausforderung stellen. Ich mochte die Idee und dennoch ließ ich alle Zeit verstreichen, bis ich mich schließlich als eine der letzten Starter anmeldete. Inga wollte mich begleiten, doch leider musste sie dann doch arbeiten. Und so stand ich also am 9. Juli 2016 allein vor einer Challenge, deren Ausmaß ich erst im Laufe des Spiels erkannte. 

Die Spielregeln sind einfach, aber komplex zu erklären:

Zu einem vorgegebenen Oberthema sind innerhalb von 12 Stunden 24 Bilder zu erzeugen. Auch die 24 Einzeltitel sind genau vorgegebenen und in der aufgelisteten Reihenfolge zu präsentieren. Dabei erhält der Teilnehmer im Laufe des Tages 3 Listen à 8 Titeln an vorgegebenen Anlaufstellen. Besondere Schwierigkeit für mich: Eine Bildbearbeitung ist nicht erlaubt. Die Themen sind zudem bis zum Start des Marathons geheim.

Mein kleines Training ist gründlich in die Hose gegangen. Da habe ich mich gar nicht an die Regeln gehalten, aber ein ganz vernünftiges Ergebnis erzielt. Nun war also der Tag gekommen, an dem es ernst werden sollte.

Erster Treffpunkt ist das Alte Mädchen in der Lagerstraße. Ich treffe um 9 Uhr mit dem Motorrad ein. Nachdem Inga nun nicht dabei ist, habe ich das Fahrrad zu Hause gelassen und meine geliebte Begleiterin aus der Garage geholt. Wir werden den Tag schon meistern. Nach dem reibungslosen Check-In halte ich einen der momentan angesagten Turnbeutel mit meiner Startnummer und allerlei Info-Material in der Hand. 

Vor dem Start
Meine Kamera:
Olympus OM-D E-M 10
Objektiv:
Digital 14-42mm, 1:3,5-5,6

Im "Alten Mädchen"


Spannung steigt



Noch einmal gehe ich die Spielregeln durch. Habe ich alles richtig verstanden? Meine Speicherkarte geleert, das Bildformat und Datum und Uhrzeit eingestellt? Ich kenne mich, ich konzentriere mich nachher so auf die Fotografie und den Ablauf des Wettkampfes, dass ich am Ende an den Basics scheitern könnte. 

Nach und nach füllt sich das Alte Mädchen und ich beäuge meine Mitstreiter. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft stellt sich mir dar. Kleine Grüppchen von Marathon-Spezialisten weisen sich durch uniforme T-shirts aus. Nerds in Jack Wolfskin-Jacken und Hiking-Shoes warten mit umfangreichem Equipment. Modebloggerinnen, die sich einmal außerhalb ihres Fachgebietes austoben wollen, schwatzen mit ihren Freundinnen. Und Kleinfamilien mit Kinderwagen verknüpfen den Wochenendspaziergang mit einer Challenge. Dann gibt es den Old-School-Profi, der sich mit der analogen Leica schmückt und den Modernen Profi der vollkommen unauffällig erscheint. Um mich herum sitzen ein paar Damen wie ich. Einzelkämpferinnen und Ersttäterinnen voller Neugier und ein wenig Aufregung. 

Um 10 Uhr geht es schließlich los. In einer kleinen Rede wird noch einmal der Ablauf wiederholt, den Sponsoren gedankt und schließlich - endlich! – das Thema verkündet. 

Die Stadt ist Deine Bühne

Oha, das hört sich machbar an. Schnell noch für ein Gruppenfoto lächeln und dann den ersten Zettel in die Hand nehmen. Die Titel sind erwartungsgemäß abstrakt gewählt und lassen viel Spielraum für die Interpretation. Das heißt aber auch, dass Kreativität gefragt ist. Spontan entscheide ich mich, auf die Reeperbahn zu fahren und die Leichen und Überlebenden der Freitagnacht auf dem Kiez abzulichten. Dann erinnere ich mich an ein Buch, dass ich vor einiger Zeit durchgeblättert hatte. Finde Deinen eigenen Stil und entwickele Deine Kreativität indem Du genau das Gegenteil von Deiner ersten Idee machst. OK. Was ist das Gegenteil vom Hamburger Kiez? In die Dorf-Idylle von Bardowick schaffe ich es wohl nicht in der vorgegebenen Zeit. Mir kommt eine andere Idee. Mit meinem Bike ist es nur ein Katzensprung und kurz darauf streune ich durch mein ernanntes Revier. Ich knipse einige Bilder, bleibe unzufrieden. Knipse das zweite Motiv. Komme nicht zurecht. Ich streife durch die Pfade, beobachte, denke, vermisse meine Freundin zum Brainstorming. Fast will ich aufgeben, da ragt das erste Motiv vor mir auf. Ich formatiere meine Speicherkarte und fange von vorne an. 

Erster Checkpoint "Ufercafé" Hoheluft
Am ersten Stop habe ich genügend Zeit, mich mit Mitstreiterinnen auszutauschen. Niemand verrät sein Konzept, doch unsere Erfahrungen im Prozess überschneiden sich. Das macht mir Mut. Mit der zweiten Liste mache ich mich auf zur zweiten Szenerie. Die geht mir leichter von der Hand. Manchmal sehe ich Motive, die zu späteren Titeln passen würden, doch ich muss ja die Reihenfolge einhalten. So gehe ich erst einmal weiter und kehre später zurück. Für die Diva brauche ich ungefähr 40 Versuche. Gott lobe die Digitalkamera. Ich bewahre zunächst alle Bilder auf, doch als ich den Monolog festhalten will, ist meine Speicherkarte voll. Bewusst hatte ich nur 512MB eingelegt, damit ich gezwungen bin, überflüssiges Material zeitnah zu löschen. So laufe ich nicht Gefahr, 5 Minuten vor Abgabeschluss zum Ziel geeilt zu kommen und noch aus 4GB Material die besten Fotos auswählen zu müssen. Bild 9-16 sind im Kasten und ich habe Zeit, noch einmal zur selektieren, etwas zu trinken, ein Brötchen zu essen und dann zum zweiten Stop zu fahren. 



Nachdenklich am 2. Checkpoint in Sankt Georg
Hier treffe ich auf Inga, die rotgesichtig mit dem Fahrrad herbei gestrampelt kommt. Also schaffen wir doch noch eine hilfreiche Diskussion für die letzte Runde. Anschließend cruise ich zu meiner dritten Szenerie. Es fängt an zu regnen und mit der schussbereiten Kamera laufe ich ziellos durch die Welt. Der Flow von eben ist abgerissen. Ich schieße Bilder, die ich nicht wirklich mag und lösche sie wieder. Nach Bild 22 will ich endgültig aufgeben. Gerade beschließe ich, in Richtung Ziel zu fahren und dort noch einmal auf die letzte verzweifelte Suche zu gehen, da springt mich Titel 24 förmlich an. Das ist ein Zeichen! Ich laufe noch ein paar Mal hin und her und finde die noch fehlende Nummer 23. Es lohnt sich sehr, einen Weg noch einmal Rückwärts zu laufen und die Welt aus der anderen Richtung zu betrachten.
Als ich das Café Strauss erreiche, sind schon einige Teilnehmer vor Ort. Ich parke mein tapferes Pony so, dass es meinen letzten Schnappschuss ziert und suche mir einen Tisch. Bald darauf erscheint Inga wieder und hilft mir bei der letzten Auswahl zweier Bilder. Wir trinken Limo und schließlich gebe ich pünktlich meine SD-Karte ab, deren Inhalt nun unwiederbringlich in die Öffentlichkeit getragen wird. Muss ich mich schämen? Inga findet, ich hätte die Herausforderung gemeistert und das Ergebnis sei ja gar nicht wichtig. Morgen werde ich lange ausschlafen, meine Wohnung putzen und dabei nachdenken, was mir dieser Tag gebracht hat. Das Fazit findet Ihr unten. Hier ist erst einmal meine Fotoserie:

1. Wie es Euch gefällt (inkl. Startnummer)


2. Ensemble


3. Ungeschminkt

4. Kostüm


5. Kulisse


6. Zweitbesetzung

7. Generalprobe


8. Lampenfieber


9. Vorhang auf


10. Rampenlicht


11. Diva


12. Monolog


13. Blackout


14. Souffleuse


15. Drama


16. Abgang


17. Szenenwechsel


18. Letzter Akt


19. Heldentod


20. Loge


21. Beifall


22. Verbeugung


23. Zugabe


24. Schlussvorhang


Fazit:

„Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“. Auch dies wäre ein passender Titel gewesen, den ich mit der Startnummer 004 hätte schmücken können. Denn dieser Tag hat mich veranlasst, mich dem zu stellen, was mir im Alltag immer wieder begegnet, sich jedoch für gewöhnlich gut kaschieren lässt. Doch hier liegt das Ergebnis ungeschminkt auf dem Tisch einer Jury und bald hängt es als Ausstellungsstück in den Mozartsälen.

Ich habe mich einer Aufgabe gestellt, die ich unter normalen Bedingungen so nicht eingegangen wäre. Denn die Spielregeln des Fotomarathons widersprechen meinem Sinn für Perfektionismus. Nun gibt es in der Kunst eine weite Auslegung von Perfektion, doch ich selbst habe meinen eigenen Anspruch an das, was ich veröffentliche und was ich mit meiner Persönlichkeit in Verbindung gebracht wissen will. Und daran arbeite ich ständig. Alles was nach außen geht, soll gut sein und wenn ich ein gegenteiliges Feedback bekomme, nehme ich dies zum Anlass, noch weiter zu überlegen, zu feilen und zu polieren.

Im Wettbewerb waren die Bedingungen jedoch so eng geschnürt, dass ich keine Chance zum feilen und polieren hatte. Denn selbst wenn Inga mir das Feedback gab, dass ein Bild vom Vormittag nicht gut gelungen sei, hätte ich es nur dann ändern können, wenn ich alle nachfolgenden Aufnahmen gelöscht und neu geschossen hätte. Doch dann kam der Faktor Zeit ins Spiel.

Während ich mich an bestimmten Bildern festhielt, um den besten Moment einzufangen, sah ich anschließend die Zeit davon rennen. Also bin ich Kompromisse eingegangen, die ich zur Not zu Hause am Rechner korrigiert hätte. Dies war aber nicht erlaubt. Ebenso musste ich Kompromisse machen, wenn ich zu einem Titel in angemessener Zeit kein perfektes Motiv fand. Auf dem Weg zu einer schlüssigen Serie von 24 Fotos waren also Eingeständnisse Pflicht, um an das vorgegebene Ziel zu kommen. 

Und zuletzt hat meine eigene Ausrüstung mir ein Limit vorgegeben. Eine Kamera, ein Objektiv und kein nachträglicher Bildzuschnitt erlaubt. Und dummerweise hatte ich mir das Thema Natur und Tiere in den Fokus genommen. Hier hilft tatsächlich mal ein Zoom, damit man sich nicht stundenlang in die Gänse-Kacke legen muss, während man hofft, dass das Vieh sich noch einmal zwei Schritte in die richtige Richtung bewegt.

Die Überwindung, all diese Kompromisse einzugehen, hat mich letztendlich zum Erfolg gebracht. Nur weil ich mir die Freiheit nahm, die (eigenen) Ansprüche zu modifizieren, bin ich angekommen. Und nur weil ich durchgehalten habe, konnte ich neue Erkenntnisse für viele künftige Projekte und Prozesse ziehen. Manchmal macht es Sinn, sich dem zu stellen, was einem gar nicht liegt. Und was schrieb ich oben? Es hilft immer, das Gegenteil von der ersten Idee umzusetzen. Und dann noch einmal das Gegenteil und dann noch einmal das Gegenteil… So lange bis man alle Facetten erforscht hat. Dann wird auch die Komfortzone größer und in der halten wir uns ja bekanntlich am liebsten auf.


Die Ausstellung aller Serien findet am 27./28. August 2016 in den Mozartsälen in Hamburg statt. Mehr Informationen zur Ausstellung, die Galerien der Gewinner aus den letzten Jahren und alles zum Fotomarathon findet ihr hier: www.fotomarathon-hh.de

Kommentare:

  1. Ich finde es immer noch großartig, dass du mitgemacht hast! Gerade als Perfektionist ist man ja selbst sein größter Kritiker, und als Perfektionist will man nicht zu viel dem Zufall überlassen. Aber beim Fotomarathon war es ja gerade wichtig, sich darauf einzulassen, was einem zufällig über den Weg kommt, und plötzlich zum Thema passt. Ist doch klar, dass du bei dem ein oder anderen Fototitel unter Normalumständen etwas anders gemacht hättest. Aber das mussten ja alle, die mitgemacht haben. 24 Fotos in 12 Stunden sind heftig.
    Stell dir vor, du hättest noch zwei weitere Objektive dabei gehabt. Du hättest wahrscheinlich ständig gewechselt, und dabei viel Zeit verloren, weil du dann hättest auswählen müssen, was du am besten findest. Also passte das schon zum Fotomarathon mit der Ausrüstung.
    Auf deine kreative und stimmige Fotostrecke kannst du stolz sein :-*
    Bin so gespannt auf die Ausstellung!

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  2. Ich bin begeistert von diesem Blog! Respekt, meine Hochachtung wirklich umwerfend geschrieben , es macht Spaß dich zu lesen !

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    1. Danke sehr! :-) Schön, dass es Dir gefällt!

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  3. Ok, dann denke ich, dass du nicht weiter überlegen, feilen, polieren muss. Eine schöne und vor allem kreative Serie, du du da zusammen getragen hast und so nah am Thema, dass sie schon auf der Überholspur ist, sozusagen.

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    1. Oh danke liebe Irina. Mal sehen, was die Jury sagt ;-)
      Ich werde auf jeden Fall im nächsten Jahr wieder teilnehmen, sofern es terminlich klappt. Muss mal ein wenig an meinem Marathon-Prozess feilen ;-)

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  4. Wie ist es eigentlich für dich ausgegangen?

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